Warum die «Leichten» schwer zulegen

Seit 2011 haben die Zulassungen leichter Nutzfahrzeuge einen markanten Aufschwung erfahren. Und das Niveau bleibt konstant hoch - ihnen wird sogar eine noch weitaus goldigere Zukunft vorausgesagt. Das hat verschiedene Gründe.

Text: Erwin Kartnaller / Foto: zVg

Mit dem Ja der Schweizer Stimmbevölkerung zur Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) am 27. September 1998 sagten Verkehrsexperten voraus, dass die Zulassungen leichter Nutzfahrzeuge fortan rasant hochschnellen dürften. Denn Transportfahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht bis 3,5 Tonnen sind von der Abgabe befreit. Ausserdem unterstehen sie nicht dem Nachtfahrverbot, das in der Schweiz von 22.00 bis 05:00 Uhr für den Schwerverkehr (mit Ausnahmen) grundsätzlich gilt.

Die Prophezeiungen sollten sich zunächst nicht bewahrheiten. Nachdem die LSVA per 1. Januar 2001 eingeführt worden war, verharrten die Zulassungen der leichten Nutzfahrzeuge über Jahre hinweg auf dem bisherigen Stand – mit wenig bemerkenswerten Schwankungen.

Was war der Grund? Leichte Nutzfahrzeuge waren dem Lastwagen gegenüber im Nachteil. Während sich die Nutzlasten von Transportern bei 1000 bis 1400 kg bewegen, kann ein 40-Tönner mit einer einzigen Fuhre 25 Tonnen an Waren herumführen. Um die gleiche Menge zu transportieren, hätte ein leichtes Nutzfahrzeug also im besten Falle 18 Transportbewegungen ausführen müssen. Die Kosten für das zusätzliche Fahrpersonal und auch die Treibstoffkosten konnten sich unter diesen Gesichtspunkten nicht rechnen. Der Lastwagen erwies sich nach wie vor als ökonomischer und ökologischer.

Das Lager ist heute auf der Strasse

Gleichwohl hat die LSVA etwas bewirkt, was die Zulassungen von leichten Nutzfahrzeugen nach und nach anziehen liess. Die Transportunternehmer waren nämlich gezwungen, ihre Transporte besser zu organisieren. Das klassische Transportunternehmen ist mittlerweile dem Logistikunternehmen gewichen. Das war der Schritt zu ausgeweiteten Dienstleistungen, wie die Lagerbewirtschaftung aber auch den Reparaturservice, die Etikettierung von Waren und vieles mehr.

Die verladende Wirtschaft nutzte diese Entwicklung, um ihre Lager abzubauen oder gar ganz aufzuheben. Daher rührt der Ausspruch: «Das Lager ist heute auf der Strasse». Die Lagerbewirtschaftung mit all ihren Aufgaben wurde zunehmend ins Outsourcing überantwortet.

Die Logistik boomte in der Folge und deckte immer weitere Felder im Warenfluss ab. Wer heute am späten Nachmittag ein Ersatzteil bestellt, wird dies bereits am nächsten Morgen ausgeliefert bekommen. Die Logistik macht’s möglich, selbst wenn das Ersatzteil vom europäischen Verteilzentrum in Belgien den Weg in die Schweiz finden muss. Diese Transportbewegungen nennt man im Fachjargon «Nachtsprung». Und nun sei daran erinnert, dass der Schwerverkehr in der Schweiz einem Nachtfahrverbot unterstellt ist. Wer also musste in die Bresche springen? Richtig, die leichten Nutzfahrzeuge. Dieser Umstand bescherte ihnen einen ersten Wachstumsschub – der gemäss Zulassungsstatistik – 2011 so richtig einsetzte.

E-Commerce und «letzte Meile» als weitere Treiber

Hinzu kamen und kommen seit 2011 weitere Entwicklungen, die den «Boom» bei den Lieferwagen befördert haben: Der in den letzten Jahren so richtig einsetzende Online-Handel liess die Transportnachfrage – und damit auch den Bedarf an leichten Nutzfahrzeugen – nach oben schnellen.

Und schliesslich haben auch die Logistikprozesse und die Logistiker selbst mit zum «Boom» bei den Lieferwagen beigetragen: Dem Lastwagen (oder der Bahn) kommt in den Logistikprozessen die Rolle zu, Massensendungen in regionale Verteilzentren zu liefern. Von dort aus kommt danach der Lieferwagen zur Feinverteilung zum Zug.