Vollsynthetische Treibstoffe: Die eierlegende Wollmilchsau?

Vollsynthetischen Treibstoffe scheinen für die Nutzfahrzeugbranche so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau zu sein. Flottenbetreiber setzen jedenfalls grosse Hoffnung in diese Technologie. Doch gibt es effektiv keinen Haken?

Text: Erwin Kartnaller / Foto: ETH Zürich (Allessandro Della Bella)

Wer einen Fuhrpark hat, sieht sich angesichts des politischen und öffentlichen Drucks und der laufenden Klimadiskussionen vor gewaltige Investitionen gestellt. Er muss seine Fahrzeugflotte komplett ausmustern, wenn er auf eine neue Technik einschwenken will. Der Wunsch nach einer investitionsneutralen Technik ist folglich sehr hoch. Und hier kommen vollsynthetische Treibstoffe ins Spiel. Mit ihnen können die klassischen Verbrennungsmotoren des bestehenden Wagenparks betrieben werden, egal ob diese mit Diesel oder Benzin laufen. All das mit Schadstoffwerten, die dem geforderten Umweltschutz Rechnung tragen (vgl. auch Artikel: https://www.transport-ch.com/news-details/vollsynthetische-treibstoffe-hoffnung-fuer-kapitalschutz.html).

CO2-neutrale Treibstoffe möglich

Bei der Herstellung von vollsynthetischen Treibstoffen wird mit Hilfe der Elektrolyse Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Der Wasserstoff wird nun mit dem CO2 in Methan umgewandelt. Unterschiedliche Verfahren führen am Schluss dazu, dass man einen Ersatz für Benzin, Diesel und sogar Kerosin hat.

Wird die für die Elektrolyse notwendige Energie wie bei der Pionieranlage der ETH Zürich überdies noch als Solaranlagen gewonnen, steht einem CO2-neutralen, sauberen Treibstoff eigentlich nichts mehr im Wege. CO2-neutrale Treibstoffe sind nicht nur für eine nachhaltigere Luft- und Schifffahrt von zentraler Bedeutung. Sie können in der gesamten bestehenden globalen Transportinfrastruktur verwendet werden, also auch in der Nutzfahrzeugbranche.

Dabei scheint auch der Produktivität keine Grenzen gesetzt zu sein, wie die ETH Zürich in ihrer Medienmitteilung vom 13. Juni 2019 vorrechnet (https://www.ethz.ch/content/dam/ethz/main/news/eth-news/medienmitteilungen/2019/pdf/190613-Solare-Mini-Raffinerie/190613_MM_Solare_Mini-Raffinerie.pdf):

Eine Solaranlage von einem Quadratkilometer Fläche könnte pro Tag 20‘000 Liter Kerosin produzieren. Theoretisch kann man mit einer Anlage auf der Fläche der Schweiz oder eines Drittels der Mojave-Wüste in Kalifornien den Kerosin-Bedarf der gesamten Luftfahrt decken. «Ziel ist, dass wir in Zukunft mit unserer Technologie effizient nachhaltige Treibstoffe produzieren und so zur Verringerung des weltweiten CO2-Ausstosses beitragen», sagt Philipp Furler, Direktor (CTO) des Start-ups Synhelion und ehemaliger Doktorand an der ETH Zürich.

Der Haken an der ganzen Sache

Stellt sich die Frage, weshalb die Menschheit noch zuwartet? Die Antwort ist klar: Vollsynthetische Treibstoffe setzen ein kosten- und energieintensives Verfahren voraus. Wie beim Elektroantrieb oder der Brennstoffzellentechnologie kann der Reinlichkeitsgrad an der Nutzung sauberer Energie bei der Herstellung der Energieträger aufgehängt werden. Erneuerbare Energien sind fast Pflicht, um eine wirklich sinnvolle Bilanz vorweisen zu können.

 

Trotzdem: Entwicklungstechnisch ist viel gelaufen und noch viel im Gang, um vollsynthetische Treibstoffe markttauglich zu machen. Der Ansatz jedenfalls ist verheissungsvoll.