Vom Pferdemist zur «Freedom Machine»

Trendanalyse der McKinsey & Company auf Basis der Entwicklungsgeschichte (Teil 1)

«Die Mobilität», wie wir sie heute kennen, hat ihre Ursprünge im frühen 20. Jahrhundert. Fahrzeuge waren vor allem Nutzfahrzeuge und als Ersatz zur Pferdekraft Ausdruck von Freiheit («Freedom Machine»), wie das amerikanische Beratungsunternehmen McKinsey in einer kürzlich publizierten Studie festhält. Den Menschen eröffnete die Fahrzeuge völlig neue Horizonte.

Text: transport-CH / Foto: Expotrans AG

Die «Automobilität» hat eine relativ junge Entwicklungsgeschichte: Noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert war Mobilität zu Land – Eisenbahnpionieren im Dampfzeitalter hin oder her – grösstenteils identisch mit dem Einsatz von Pferden als Reit- oder Zugtiere.

Die wachsende Bevölkerung und der Beginn der arbeitsteiligen Wirtschaft verlangten indessen nach immer mehr Pferden – mit unbeabsichtigten Folgen: So prognostizierte 1894 die Londoner Times etwa, dass bei gleichbleibendem Wachstum der Pferdezahlen in der Mitte der 1940er Jahre drei Meter Pferdemist Londons Strassen verunstalten würden! Das waren die Umweltsorgen Ende des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Mobilität!

Vom elitären Vehikel zum Massenprodukt

Sowohl Pferdekutschen als auch die ersten motorgetriebenen Fahrzeuge blieben damals um die Jahrhundertwende jedoch noch weitgehend der Oberklasse vorbehalten. Es war bekanntermassen Henry Ford zu verdanken, dass die Automobilität zum Massengut wurde: Im Jahr 1908 wurden die ersten Model T von Ford in Massen angefertigt, eine neue Kombination von Zuverlässigkeit, Innovation und – besonders wichtig – Erschwinglichkeit. Henry Ford zahlte allen Mitarbeitenden mindestens 5 Dollar pro Tag bei einem Fahrzeugpreis von rund 500 Dollar. Mit anderen Worten: 100 Tageslöhne addierten sich zum Preis eines Model T. (Die damaligen 500 Dollar entsprechen dem heutigen Wert von 10'000 Dollar.) Damit begann der Aufstieg des Autos und der Nutzfahrzeuge als Symbol von Freiheit und Wohlstand, wie er die Jahrzehnte bis heute weitgehend geprägt hat.

Die «Freedom Machine» bescherte den Menschen, was sie sich wünschten: niedrigere Transportkosten, verbesserte Zweckmässigkeit und Annehmlichkeit, ein neues Fahrgefühl, auch zum Preis geringerer Sicherheit und vermehrter Umweltbelastung.

1900 wurden in den USA 4’000 Autos produziert, alles PKW. 1920 zählte Amerika bereits 9,2 Millionen Autos, über eine Million davon waren Lastwagen. Augenscheinlich ist dabei, dass gerade Henry Ford «das Auto» schlechthin als Nutzfahrzeug konzipierte und sah: «Ein vernünftiges Auto», so meinte er einst, «soll seinen Besitzer überall transportieren – ausser auf den Jahrmarkt der Eitelkeiten.»

Eine eigene Industrie entsteht

Das Auto veränderte die Welt. Statt Dampfkraft und Heu, Naturstrassen, unter dem Mist erstickende Städte, schwer zugängliche, verschlafene Regionen entstand eine neue Lebensform mit Benzin, asphaltierten Strassen und Autobahnen. Motels wurden an Strassen gebaut, Fast-food Restaurants zur Zwischenverpflegung eingerichtet. Und die Ausweitung der Städte zu Agglomerationen sowie das Entstehen der Vororte führte dazu, dass sich auch der öffentliche Verkehr und die Bahn zur Bewältigung der immer grösseren werdenden Pendlerströme erst richtig entwickelte. Man kann mithin sagen, die Bahn, wie wir sie heute kennen, verdankt ihre Entwicklung der Erfindung des Automobils.

Gleichzeitig schuf die Autoindustrie Millionen von Arbeitsplätzen in den grossen Fabriken mit ihren Fliessbändern, bei den Ersatzteilherstellern und -lieferanten, bei den Autohändlern und Zulieferbetrieben, in den Reparaturwerkstätten, an den Tankstellen. Unternehmer in der Autobranche erwarben sich grosse Vermögen. 1924 gehörten bereits 3 der 10 Meistverdienenden der Autoindustrie an.

 

Hinweis: In vielerlei Hinsicht waren die Geschichte des Automobils respektive des Nutzfahrzeugs und die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein und dasselbe. Es ist die Geschichte des Fortschritts mit all seinen Kompromissen in der Bewältigung von Fehlentwicklungen: niedrigere Transportkosten, mehr Komfort und ein deutlich besseres Verbrauchererlebnis sowie Risiken für die menschliche Sicherheit und schädliche Auswirkungen auf unsere gemeinsame Umwelt. Die sich abzeichnende Entwicklung folgt den gleichen Bahnen. Das Beratungsunternehmen McKinsey & Company hat deshalb einen umfassenden Blick in die Mobilitätsgeschichte geworfen und wagt daraus eine Prognose für die Zukunft. Die Studie fassen wir hier für Sie in 4 Artikeln zusammen. https://www.mckinsey.com/industries/automotive-and-assembly/our-insights/mobilitys-second-great-inflection-point