Vier zentrale Innovationsfelder

Trendanalyse der McKinsey & Company auf Basis der Entwicklungsgeschichte (Teil 4)

Die Entwicklung der Mobilität und der Nutzfahrzeugbranche in der Zukunft wird einerseits von sozialen Faktoren, anderseits vom Erfindergeist in den verschiedensten Industrien getrieben sein. Zu diesem Schluss kommt das Beratungsunternehmen McKinsey & Company. Die vier Innovationsfelder Autonomie (Selbstfahrfahrzeuge), Konnektivität (Verbindung und Einbindung mit und in Mobilitätssysteme), Elektrifizierung sowie Carsharing zeigen die Richtung für die Zukunft.

 Die Welt und damit auch die Mobilität und die Nutzfahrzeug- resp. Transport-/Logistikbranche werden sich in den kommenden Jahren grundlegend ändern. Davon sind Zukunftsforscher überzeugt. Getrieben wird die Entwicklung im Transport- und Nutzfahrzeugbereich dabei von vier Innovationsfeldern:

Entwicklung autonomer Fahrsysteme

Die Entwicklung autonomer Fahrsysteme wird den Begriff «Autofahren» grundlegend verändern. Die von der Gesellschaft der Automobilingenieure vorgenommene Einstufung der Autonomie reicht von Niveau Null (volle und jederzeit ausgeübte Fahrzeugkontrolle durch den Lenker) bis zu Niveau Fünf (ständige und totale Kontrolle durch ein automatisches Fahrsystem bei allen möglichen Verkehrsbedingungen). Im PKW-Bereich werden in ein oder zwei Jahren leistungsfähigere Niveau-Drei-Systeme in hochpreisigen Fahrzeugen installiert. Im kommerziellen Sektor werden zum Beispiel in den USA in den ersten der 2020er Jahre 60-70 Prozent aller gefahrenen Meilen auf Niveau Vier ausgerüsteten Fahrzeugen absolviert, vorausgesetzt das System wird ergänzt durch ein per Fernbedienung aktiviertes Back-up, das ein menschliches Eingreifen ermöglicht, falls das Fahrzeug mit den Bedingungen nicht mehr zurecht kommt. Die eigentliche Marktdurchdringung wird noch längere Zeit beanspruchen und von verschiedenen Faktoren bestimmt, wie Vorschriften, Kundenvorlieben und Konkurrenzsituation.

Technologie der Konnektivität steht vor dem Durchbruch

Die Technologie der Konnektivität (Verbindung und Einbindung) steht vor dem Durchbruch.  Hochentwickelte Fahrzeuge nutzen bereits das persönliche Fahrerprofil für den Zugang zu externen digitalen Plattformen wie Android Auto und Apple CarPlay und deren Dienste. Weiterentwicklungen gestalten die Verbindungen von reaktiv zu vorausschauend. Die Fahrzeuginsassen werden personalisierte Unterhaltungs- und Nachrichtendienste durch die Stimme oder mittels Handbewegungen abrufen – effektiv ein Dialog mit dem Fahrzeug, um frühzeitige Empfehlungen für Service und Funktionen zu erhalten. In den frühen 2020er Jahren werden die Konnektivitätssysteme zum «virtuellen Chauffeur» heranwachsen, in denen erkennende künstliche Intelligenz die Bedürfnisse des Lenkers antizipiert und erfüllt, zum Beispiel automatische Anpassungen der Innentemperatur, den Besuch des beliebten Cafés vorschlagen oder Hinweise auf Sparaktionen in benachbarten Läden vermitteln.

Nicht nur die Fahrzeuge, auch die Strassen werden neue Systeme aufweisen. Sensoren in den Fahrzeugen werden mit Lichtsignalen, Hinweistafeln, Beschilderungen kommunizieren, darüber hinaus mit anderen Automobilen, was ein dichteres Auffahren gestattet und Reisezeiten verkürzt. Der Strassenverkehr wird in Reaktion auf wechselndes Wetter und wechselndes Verkehrsaufkommen praktisch verzugslos optimiert. Vermehrt gelenkter Verkehrsfluss wird nicht nur die Staus und die Reisezeiten minimieren, sondern die Belastung von Brücken, Tunnels und Strassen verringern, die Zahl der Unfälle reduzieren und den Verlust kostbarer Minuten für die Rettungsfahrzeuge vermeiden.

Kontrollzentren (Vehicle-control center, VCC) werden analog dem Luftverkehr den Verkehr regeln und entspannen. Die Zahl der autonomen Fahrzeuge (AV) auf den Strassen wird davon abhängen, wieviele solcher Autos von den Verkehrszentren überhaupt kontrolliert werden können. Aber es wird eine Menge sein. Die Zahl der Passagiere wird jene der Autos übertreffen. Dies in Funktion sowohl der autonomen Fahrzeuge, die bis zu 80 Prozent der Zeit in Betrieb sind (gegenüber 4 Prozent der heutigen privaten Autos) als auch des wahrscheinlich zunehmenden Einsatzes von Carpools mit gemeinsamen Zusteig- und Aussteigpunkten.

Vorherrschaft des Brennstoffmotors wahrscheinlich beendet

Die Festsetzung von CO2-Grenzen sowie bessere Batterien und erneuerbare Stromproduktion werden die Vorherrschaft des Brennstoffmotors wahrscheinlich beenden. Die Subventionierung von E-Autos wird in den USA mit der Zeit fallen gelassen, während sie in Europa und China wohl beibehalten wird. China setzt sich für 2025 sieben Millionen E-Fahrzeuge zum Ziel.

Gegenwärtig kostet ein E-Luxus-Sedan wesentlich mehr als ein herkömmliches Auto. Nicht überraschend wollen die Käufer diesen Preis nicht entrichten. Die Kosten der E-Fahrzeuge müssen erheblich sinken, um die Nachfrage in der Käuferschaft in einem hohen Mass zu steigern. Sollte dies eintreffen, so wird erneuerbare Energie dazu beitragen, den steigenden Strombedarf zu decken. Setzt sich der bisherige Trend fort, so wird der Anteil von Sonnen- und Windenergie von 4 Prozent auf bis zu 36 Prozent im Jahr 2035 wachsen. Einsparungen bei den Ressourcen erreichten auf diese Weise rund 350 Milliarden Dollar.

Sharing: Kilometer statt Fahrzeug bezahlen

Die Ausgaben für Fahrgemeinschaften sowie Taxi- und Fahrdienste sind höher als viele Menschen zu tragen bereit sind. Das Salär des Fahrers verursacht am meisten Kosten. Wenn autonome Fahrzeuge auf den Fahrer verzichten können, fallen dessen Kosten weg, das Benutzen wird günstiger. Autonome Fahrzeuge werden weitere Strecken zurücklegen (New Yorker Taxis fahren im Mittel 110'000 km im Jahr) als die individuellen PKW (rund 24'000 km). Die variablen Kosten werden sinken, trotz höherer Fixkosten für den Autokauf.

Die heutigen Autos sind für viele Einsatzmöglichkeiten gebaut. Deren Begrenzung würde die Kosten senken. Vermehrter Gebrauch von Taxi- und Fahrdiensten würde eine wesentliche Verwendung herkömmlicher Autos im Personentransport reduzieren und die Einführung günstigerer gebrauchsorientierter Fahrzeuge gestatten. Der Wechsel von «Bezahl das Fahrzeug» zu «Bezahl per Kilometer» führt zur Verbilligung von beiden!

Wertewandel und Paradigmenwechsel

Der Paradigmawechsel von «Autokauf» zu «Bewegen von A nach B» wird sich langsam durchsetzen, indem Haushalte die Zahl ihrer Fahrzeuge vermindern. Dies konnte und kann nicht geschehen ohne tiefere philosophische und demografische Veränderungen. Während vielerorts der Autobesitz nach wie vor ein Statussymbol darstellt (die Autoproduktion ist zwischen 1999 und 2016 dreimal so schnell gewachsen wie die Bevölkerung), bestehen Anzeichen, dass die neueren Generationen anderem Autogebrauch oder -besitz offener gegenüberstehen und weniger Gewicht auf Direkt- als Online-Kontakte legen. In den USA ist der Prozentsatz von Personen mit Fahrausweis in allen Altersstufen im Abnehmen begriffen. Ebenso der Kauf neuer Autos – mit Ausnahme der über 70jährigen!

Die Arbeitswelt wird sich ebenfalls verändern. Mehr Beschäftigung von Zuhause aus wird das Erfordernis des Pendelns verringern. Der Bedarf an PKW sinkt. In vielen Städten mit ihren oft wegbereitenden Bevölkerungen wächst der Widerstand gegen den herkömmlichen individuellen Strassenverkehr.

Das Fazit der McKinsey & Company- Zukunftsforscher: Was die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Bezug auf das Auto ausmachte: tiefere Transportkosten, mehr Annehmlichkeit, gehobenes Fahrerlebnis einerseits, Unfälle und Belastung der Umwelt anderseits, diese grossen Fragen werden auch in der Gestaltung der künftigen Mobilität zu beantworten sein. Und zwar in einem solchen Tempo, dass «der Zweite Wendepunkt» innert kurzer Frist erreicht sein wird.

 

Hinweis: In vielerlei Hinsicht waren die Geschichte des Automobils respektive des Nutzfahrzeugs und die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein und dasselbe. Es ist die Geschichte des Fortschritts mit all seinen Kompromissen in der Bewältigung von Fehlentwicklungen: niedrigere Transportkosten, mehr Komfort und ein deutlich besseres Verbrauchererlebnis sowie Risiken für die menschliche Sicherheit und schädliche Auswirkungen auf unsere gemeinsame Umwelt. Die sich abzeichnende Entwicklung folgt den gleichen Bahnen. Das Beratungsunternehmen McKinsey & Company hat deshalb einen umfassenden Blick in die Mobilitätsgeschichte geworfen und wagt daraus eine Prognose für die Zukunft. Die Studie fassen wir hier für Sie in 4 Artikeln zusammen. https://www.mckinsey.com/industries/automotive-and-assembly/our-insights/mobilitys-second-great-inflection-point