Laster allen Übels?

Lästerer möchten Laster telquel von der Strasse haben. Sie bezichtigen den Schwerverkehr unter anderem, ganz wesentlich für das wachsende Stauaufkommen verantwortlich zu sein. Ein Blick auf die Verkehrsentwicklung ermahnt indes zur Volksweisheit: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen um sich werfen!

Text: Erwin Kartnaller / Foto: pixabay.com

Staus sind ein Ärgernis, kein Zweifel. Doch manche Zeitgenossen machen es sich dann doch sehr einfach, wenn sie auf Ursachenforschung gehen. Tatsache ist, dass die Staustunden in den letzten Jahren massiv gestiegen sind. Im Jahr 2000 lagen die jährlichen Staustunden auf dem Nationalstrassennetz noch unter 8000 Stunden, verzeichneten dann aber ab 2008 einen rasanten Anstieg und verdoppelten sich bis 2018 auf 25'366 Stunden. Nicht eingerechnet sind in diesen Erhebungen all die Staus auf Land- und Dorfstrassen sowie in den Agglomerationen. Als häufigste Stauursache wird die Verkehrsüberlastung (87,2%) genannt, dahinter folgen Unfälle (10,2%) und Baustellen (1,5%).

Für die Nationalstrassen und die kantonalen Autobahnen weist eine vom Bund in Auftrag gegebene Studie für 2015 Stauzeitkosten von 808 Millionen Franken aus, für 2016 solche von 858 Millionen Franken und für 2017 von 928 Millionen Franken. Der volkswirtschaftliche Schaden der Verkehrsstillstände wurde 2015 vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) mit rund 1,9 Milliarden Franken beziffert – Tendenz steigend.

Fakten zur Verkehrsentwicklung

Damit zurück zur mit Abstand häufigsten Stauursache, der Verkehrsüberlastung. Wie bereits gesagt: Wer den Lastwagenverkehr dafür verantwortlich machen will, wird schnell eines Besseren belehrt, wenn er/sie sich mal die Fakten vor Augen führt. In der Schweiz hat sich der Bestand der Personenwagen von 1990 mit 2'985’397 Einheiten bis 2018 auf 4'602'688 Fahrzeuge erhöht. Das entspricht einem Zuwachs von 54,2%. Im gleichen Zeitraum ist die Bevölkerungszahl in der Schweiz um 28% angewachsen, von 6'674'000 im Jahr 1990 auf 8'544'500 im 2018.

Diesen Zahlen seien nun mal jene der Lastwagen gegenübergestellt. 1996 waren in der Schweiz 52'180 Lastwagen und Sattelschlepper zum Verkehr zugelassen. 2018 zählte man 53'906 Einheiten. Das entspricht einem Zuwachs von 3,3%. All dies vor dem Hintergrund einer wachsenden Bevölkerung und damit eines erhöhten Konsums.

Der «Verzicht» junger Generationen

Laufend wollen Studien besagen, dass die Jungen von heute sich zunehmend vom Auto abwenden. Carsharing und ÖV genössen bei ihnen Priorität. Dagegen sprechen auch hier die Fakten. Der Motorisierungsgrad gibt Aufschluss darüber, wie viele Fahrzeuge pro Tausend Einwohner zugelassen sind und genutzt werden. Diese Kennziffer also ist unabhängig von der Bevölkerungszahl. 1990 entfielen 447 Personenwagen auf 1000 Einwohner, 2018 waren es bereits 543. Also auch hier ein stetes Wachstum. Gestiegen sind auch die durchschnittlichen Jahreslaufleistungen.

Der Vorwurf sinnloser Fahrerei

Strassentransportunternehmern werden immer wieder die Leerfahrten angekreidet. Zuweilen lassen sie sich nicht vermeiden, denn wer würde schon akzeptieren, dass ein Milchtransporter zur besseren Auslastung auch noch Heizöl laden würde? Grundsätzlich aber gilt: Kein einziger Transporteur wird seine Fahrzeuge einfach mal so zum Spass auf der Strasse bewegen. Zu hoch sind die Investitions-, Betriebs- und Personalkosten. Er braucht klare Aufträge von Wirtschaft und als letztes Glied in der Kette vom Konsumenten, um einen rentablen Betrieb des Fuhrparks sicherstellen zu können. Wer dieses betriebswirtschaftliche Gesetz missachtet, wird sich sehr schnell im Amtsblatt und daselbst unter der Rubrik Konkurse wiederfinden.

Wer denn das Thema der sinnlosen Fahrerei aufs Tapet bringen will, soll sich mal folgende Tatsachen zu Gemüte führen. 45,2% der Fahrten im Individualverkehr entfallen auf Freizeit, 17,3% auf Arbeit, 13,2% auf Einkauf, 5,5% auf Ausbildung und 9,3% auf Übrige. Dies besagen die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik.

Und jetzt darf sich man/frau die Frage stellen, was denn nun wirklich das Laster allen Übels ist, mal davon abgesehen, dass die infrastrukturellen Voraussetzungen seit Jahren hinter der Verkehrsentwicklung hinterherhinken…