Auf der Suche nach der Werkstatt der Zukunft

Die Uni St. Gallen (HSG) hat in Zusammenarbeit mit dem Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) untersucht, welche digitalen Technologien und Prozesse die Werkstatt effizienter machen. Denn Automobile werden stetig besser - dank modernen Technologien, digitalen Tools und dank zunehmender Vernetzung. Wie können die Schweizer Garagisten im Zuge der Digitalisierung noch effizienter werden?

Text/Foto: AGVS

Wer seit bald 100 Jahren Automobile verkauft, wartet und repariert sowie einer immer anspruchsvolleren Kundschaft als kompetenter Berater zur Seite steht, der kennt seine Prozesse und weiss genau, was er tut. Und doch: Wer kann sich im hektischen Alltag heute noch laufend über neue, digitale Hilfsmittel informieren?

Die Digitalisierung vernetzt Fahrzeuge und Mobilitätsdienstleister, sie erhöht Komfort und Sicherheit und ermöglicht neue Arten des Vertriebs. «In der Autoindustrie wird viel über neue Technologien, alternative Antriebe, neue Vertriebswege, neue Nutzungsformen oder Datenvernetzung gesprochen. Über digitalisierte, effizienzsteigernde Verbesserungen bei den Werkstattprozessen hört und liest man weniger», sagt Markus Aegerter, Geschäftsleitungsmitglied im Schweizer Garagistenverband AGVS. «Wir wollten deshalb wissen, was diesbezüglich heute schon auf dem Markt ist und was allenfalls noch möglich wäre.»

Marktanalyse der Universität St. Gallen (HSG)

Eine Marktanalyse von vier Studierenden der Universität St. Gallen (HSG) setzt genau hier an. Unter der Leitung von Professor Dr. Andrea Back, Leiterin des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Uni St. Gallen, führten sie eine eingehende Marktanalyse durch, definierten Werkstattprozesse und entwarfen ein Bündel von konkreten Massnahmen. «Die Prozesse in den von uns untersuchten Garagen sind mehr oder weniger identisch», sagt Studentin Fabienne Rudolf. «Aber wir haben beispielsweise in vielen Betrieben Medienbrüche festgestellt». Als Medienbruch bezeichnet man Vorgänge in der Informationsverarbeitung, wenn Inhalte von einem Medium in ein anderes übertragen und dazu nochmals erzeugt werden müssen. «Vieles wird von Hand erfasst und anschliessend in ein anderes Medium übertragen». Das ist ineffizient. «Ineffizient sind auch einzelne Software-Programme, die nicht miteinander kommunizieren. Hier bietet beispielsweise Stieger Software eine einheitliche Lösung mit rund 850 Schnittstellen.» führt Student Pascale Inauen anhand eines konkreten Beispiels aus.

Die vier Studierenden führten für ihre Marktanalyse fünf eingehende Experteninterviews, sprachen am Auto-Salon 2019 in Genf mit acht Vertretern aus der Zulieferbranche und besuchten vier Garagen unterschiedlicher Grösse. Daraus definierten sie die Prozesse in einem Garagenbetrieb und sichteten verschiedene digitale Technologien, mit denen die Effizienz erhöht werden kann. Diese Technologien bewerteten sie nach Kriterien: zeitliche Umsetzbarkeit, Innovationskraft, Zeitersparnis, Umsetzungskosten und Betriebsgrösse. Denn nicht jede Technologie ist für jede Art des Betriebs gleich geeignet.

45 Vorschläge erarbeitet

Der Output ist beachtlich: Insgesamt wurden 45 Vorschläge erarbeitet. Dabei stiessen die Studierenden auf technologische Hilfsmittel wie der Chat-Box (aktuell zur Terminvereinbarung, in Zukunft möglicherweise auch für Reparaturanleitungen), Connected Car Repair (Vermeidung von Doppelspurigkeiten durch Vernetzung aller Werkstattgeräten), Augmented Reality oder auch Fahrzeugscanner. «Diese Tools existieren alle auf dem Markt», so Pascal Inauen.

Doch die Studierenden liessen es nicht dabei bewenden, sondern haben auch mögliche Technologien entwickelt, die noch nicht existieren. Inauen: «Wir haben bei unseren Garagenbesuchen festgestellt, dass Hebebühnen oft einen Engpassfaktor darstellen. Wenn der Mechatroniker mit einem Fahrzeug beschäftigt ist, muss er jeweils nachschauen gehen, ob die Hebebühne noch belegt oder schon frei ist. Das kostet jedes Mal Zeit und unterbricht die Arbeit.» Eine digitale Vernetzung, die ihm auf seinem Tablett anzeigt, dass die Hebebühne frei ist, würde hier die Effizienz steigern.

Markus Aegerter ist sehr zufrieden mit der Arbeit der HSG-Studierenden. «Jeder Garagist, der sich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzt, wird die eine oder andere Idee finden, mit der er seinen Betrieb effizienter gestalten und die Dienstleistungsqualität für seine Kunden erhöhen kann.» und er blickt bereits ein Stück weiter: «Der Einsatz von neuen Technologien ist wichtig. Mittel- bis langfristig braucht der Garagist aber auch neue Geschäftsfelder.» Es kommt noch einiges auf die dynamische Branche zu.

Die 45 Vorschläge des HSG-Teams werden vom Schweizerischen Garagistenverband in den nächsten Monaten im Fachmagazin AUTOINSIDE und dem Webportal www.agvs-upsa.ch publik gemacht.